Warum (meine) Kinder manchmal nicht wollen...

Geschrieben von Anja - - 2 Kommentare

Sehr oft, wenn ich das Knöpfchen vom Kindergarten abhole, ist nach relativ kurzer Zeit dicke Luft. Sie ist schlecht gelaunt und lässt ihren Frust an mir aus. Dies belastet mich. Klar, manchmal gibt es Zeitdruck. Ein wichtiger Termin oder das "Taxi" für die Geschwister sein. Dann kann ich nachvollziehen, dass sie unzufrieden ist.

Doch meist nehme ich mir viel Zeit, warte geduldig bis sie noch einmal (oder 2 mal) rutschen war, lass sie ihre Tasche allein vom Haken nehmen, lass sie für alle Familienmitglieder ein Gänseblümchen pflücken, lass sie auf jeden Stein vor der Kita steigen und warte darauf, dass sie auf dem letzten Stein stehend fragt: "wer ist die Größte?".  

Sanduhr

Auch bestehe ich nicht darauf Erste am Auto zu sein und warte wiederum bis sie mit ihren kleinen Beinen auf den Kindersitz gekrabbelt ist, natürlich ohne Hilfe. Dieses Prozedere, in dieser Abfolge fast immer gleich, kann dann schon mal gut eine halbe Stunde dauern. Aber Selbstwirksamkeit zu erleben ist ein ganz wichtiger Baustein, um zu einem selbstbewussten, psychisch gesunden Menschen heranwachsen zu können. Also unterstützte ich sie und übe mich in Geduld.

Wenn ich es bis hierhin ohne Zwischenfall geschafft habe, geht es aber spätestens im Auto los, weil ihre Lieblingsmusik noch nicht an ist, weil ich überhaupt mit dem Auto gekommen bin, denn eigentlich wollte sie viel lieber laufen (wäre ich gelaufen, wäre sie viel lieber Auto gefahren), weil sie jetzt sofort in die Tasserie  oder zum Eismann möchte (das besonders gern montags, wenn dort Ruhetag ist). Mein erklären, dass Montag sei und da heute zu ist endet dann in wütenden Diskussionen, weil ja heute gar nicht Montag sei, sondern Dienstag (aktuell ihr Lieblingstag), oder irgend ein anderer Tag. So oder so, ich habe keine Chance, und bin noch bevor wir zuhause sind, tierisch genervt.

Ähnliche Situationen erlebe ich auch bei anderen Kindern, wenn Sie abgeholt werden. Liebevolle, zugewandte Eltern und auf der anderen Seite frustrierte Kinder.

Schon lange habe ich mich gefragt, was die Ursache hierfür sein könnte. Autonomiephase allein als Antwort hat mir nicht gereicht und ist mir auch nicht wirklich schlüssig. Als "diese Sache mit der Autonomie" bei uns losging (für uns gefühlt sehr plötzlich), teilte dies der Gatte der Einrichtung mit, damit sie sich darauf einstellen könnten. Tage später bekamen wir allerdings die Rückmeldung, es wäre alles in Ordnung und das Knöpfchen sei wie immer. Okay, klar... sie lebt ihr Streben nach Autonomie in ihrem geschützten Umfeld (also bei ihren Eltern und Geschwistern) aus, daher ist sie in der Einrichtung "lieb". Aber warum dann dieses EXTREM unkooperative Verhalten, immer nach dem Abholen?

Die mögliche Lösung kam mir, nachdem ich diesen Artikel gelesen und mit Schülern "meiner" Klasse darüber sprach. Wie im Film ging mir plötzlich ein Licht auf und vor meinem geistigen Auge erschien eine Sanduhr.

Kinder kooperieren von Grund auf, tun sie dies nicht, liegt es am Verhalten der Eltern / Bezugspersonen. Wenn wir nicht kooperieren, warum sollten sie es tun? (okay, das ist ein wenig zu einfach formuliert, aber vom Grunde her ist das so) Oder aber, sie haben bereits an diesem Tag ZU VIEL kooperiert!

wütendes Kind
© Rose-Greim Fotografie

In einer Kindertagesstätte "muss" vieles einfach funktionieren. Und nein, ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion zur aktuellen Bertelsmannstudie anzetteln oder die schrecklichen Berichte aus der Zeit kommentieren. Wir haben vergleichsweise "Glück". Auch wenn ich mir Vieles anders wünsche, habe ich keine Bauchschmerzen, mein Knöpfchen in der Kita zu lassen. Auf der anderen Seite zeigt mir ihre oftmals früh geäußerte Bitte, zuhause bleiben zu dürfen, das es eben doch "anders" ist. Tränen gibt es beim Abschied jedoch nicht und der Gatte kann sie problemlos "abgeben". 

Werden aber bis zu 20 Kinder von 2 oder auch mal 3 Erziehern betreut, dann bleibt wenig Raum für Individualität. Der Tag hat eine feste Struktur, Mittagszeit ist Mittagszeit, egal wie groß der Hunger gerade ist und wenn es heißt alle in den Garten, dann gehen alle in den Garten. Hätte sie da das Bedürfnis noch ihr Buch weiter anzuschauen oder das Spiel in der Kinderküche zu beenden, kann dem nicht entsprochen werden. Denn dies würde bedeuten, eine Erzieherin ist mit den restlichen 19 Kindern allein. Schon die Aufsichtspflicht könnte so nicht gewährleistet werden. Das ist sicher nicht gut, aber es ist wie es ist.

Demzufolge kooperiert sie, immer und immer wieder. Wenn ich dann da bin, sind die Anteile in ihr, die kooperieren, durch die Sanduhr einfach durchgelaufen und die Glashälfte ist leer. Sie will dann einfach nicht mehr. Ihr Willen und ihre Bedürfnisse sollen endlich wieder Bedeutung haben und Beachtung finden. Und wenn ihr Bedürfnis darin besteht, jetzt in die Tasserie zu fahren, dann ist ihr herzlich schnuppe, dass gerade Montag ist, dann ist sie sauer. Und das zu Recht!

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, wie oft ihr am Tag zu euren Kindern NEINsagt? Und nun ein kurzes Gedankenspiel, wie ginge es euch damit, wenn euch ständig jemand in die Quere kommt und euch verbietet etwas zu tun? Bitte nicht falsch verstehen, es geht nicht darum, zu allen Wünschen ja und Amen zu sagen. Wir sind verantwortlich und wenn das Abendessen gleich auf den Tisch kommt, dann ist es (wie ich finde) völlig legitim, den Wunsch nach etwas Süßem abzulehnen. Es geht vielmehr darum, den Blickwinkel zu verändern und dem entstehenden Frust mit Verständnis zu begegnen.

 

Helena mag nicht

© Rose-Greim Fotografie

Wenn das Knöpfchen also den ganzen Tag in der Kita "funktioniert", dann ist es nun an der Zeit, dass ich die Sanduhr wieder herum drehe. Und die Seite des Glases durch Verständnis, Zuwendung, viel Zeit und dem Erfüllen von Wünschen und Achten von Bedürfnissen wieder fülle, damit kooperieren für sie wieder möglich ist. Genau wie wir, wollen Kinder nicht den ganzen Tag funktionieren und zurückstecken. Irgendwann ist es zu viel und im Gegensatz zu uns (die dann ja gern trotzdem noch Machen und Tun) machen Sie ihrem Unmut ganz deutlich Luft und verweigern sich.

Mit Abstand betrachtet wünsche ich mir manchmal so klar in meinen Wünschen und Bedürfnissen zu sein und bin zudem ehrlich dankbar, meine Kinder so "erzogen" zu haben, dass sie sich mitteilen wenn es genug ist.

Gerade am Wochenenden ohne viel Stress merke ich, wie es ist, wenn die (Kooperations)Sanduhr immer wieder herumgedreht wird. Ob es Mittagessen um 12 oder halb eins, oder auch mal erst abends gibt (wegen spätem Frühstückens) ist uns wurscht. Ist sie gerade in ein Rollenspiel vertieft, unterbreche ich nicht. Der Einkauf kann auch später erledigt werden und der Spielplatz läuft nicht weg, wenn wir ihn in einer halben Stunde aufsuchen. So kann sie sein, wie sie mag und spielen, was ihr gefällt. Im Gegenzug schaffe ich dann locker den Haushalt, die Wäsche und das Beantworten von zwanzig Mailanfragen. Ohne Stress, ohne Druck, einfach harmonisch. Ich nehme mir, wenn sie es braucht, Zeit vorzulesen und kann sie dann auch wieder dem Alleinspiel überlassen und die Wäsche erledigen. Ein Geben und Nehmen.

Buch anschauen
© Rose-Greim Fotografie

Das Gleiche gilt übrigens auch für das Tanzmädel und den Fußballbub. Gerade in stressigen Zeiten, wenn ich wenig Zeit für sie habe, ihr Glas an Zuwendung und Aufmerksamkeit leer ist, artet die Bitte, den Müll in die Tonne zu bringen gern mal in ein mittleres Drama aus. Endlose Diskussionen, "warum ich... ich hab doch erst gestern", Türen schmeißen und Blicke, die nicht feierlich sind, inklusive. Ich muss zugeben, gerade bei den Großen fällt es mir schwer, ihr Verhalten dann richtig zu deuten. Sie sind in sehr vielen Dingen schon sehr selbständig und viel zu oft ertappe ich mich dabei, wie ich von ihnen erwarte, dass sie sich wie Erwachsene verhalten, sie einsehen, dass ich als Selbständige viel Stress und noch weniger Zeit habe und es dementsprechend doch nicht ZU VIEL verlangt sein kann, jetzt mal den Müll runter zu bringen. Doch! Ist es aber. Sie können nichts dafür und es ist meine Aufgabe für mich zu sorgen und den Stress zu reduzieren. Es ist aber auch meine Aufgabe das Glas mit Aufmerksamkeit, ehrlichem Interesse und Zeit zu füllen, wenn ich mir auf der anderen Seite wünsche, dass sie "funktionieren". Schaffe ich das nicht, brauche ich mich auch nicht zu wundern. Sie sind KINDER und brauchen auf ihrem Weg zum Erwachsen werden meine Unterstützung und mein Vorbild.

Alternativ könnte ich ihre Kooperation natürlich auch mit Zwang oder Drohung erwirken. Das "wenn.. dann" ist (für mich) so eine Art von Zwang. Und jaaa, es rutscht auch mir allzu oft raus und im Nachhinein ärgere ich mich über mich selbst. Da ist sie dann wieder... die Realität ... zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Zeigt es mir doch eigentlich nur, dass ich die Sanduhr ganz dringend mal wieder herum drehen muss!

 

Herzlichst

Eure Anja

2 Kommentare

#1  - Caro schrieb:

Hallo Anja,
Toll geschriebener Artikel! Es kostet mich immer einen Moment der Ruhe um darauf zu kommen, dass Kinder nunmal Kinder sind und gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten ("funktionieren") unglaublich anstrengend ist. Doch wenn mir am Ende eines Tages auffällt, dass auch ich meinen Kleinen zum funktionieren gedrängt habe und ihn überstrapaziert habe, tut es mir stets Leid ausgerastet zu sein (leider sehr dünnhäutige Mama). Solche Artikel helfen mir wieder in die richtige Apur zu kommen und meinem Kleinen in Kontakt zu treten smile
Leider ist das Bewusstsein über Kooperation von Kindern nicht sehr weit verbreitet sad ich hoffe mehr Menschen finden zu deinem Blog und kommen zum Nachdenken und Selbstreflektieren!

Liebe Grüße
Caro

Antworten
#2  - Anja schrieb:

Liebe Caro,
vielen Dank für Deine Rückmeldung. Ich bin leider auch sehr dünnhäutig und gerade wenn alles herum zu viel wird, werde ich auch schnell ungerecht. Oft fällt es mir dann in dem Moment auch auf und ich entschuldige mich bei meinen Kindern. Gott sei Dank verzeihen sie mir schnell und haben viel Verständnis. So wie ich auch versuche, Verständnis zu haben, wenn das Verhalten mal wieder nicht ganz so "gesellschaftstauglich" ist. Es ist ein ständiges lernen, auf beiden Seiten smile.

Herzliche Grüße
Anja

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