Talente und verpasste Chancen...

Geschrieben von Anja - - 2 Kommentare

Heute ist bei uns zu Hause die Luft etwas dicker. Der Fußballbub hat gestern sein seit langem heiß ersehntes Probetraining für den DFB Stützpunkt verkackt. Am Morgen hatten wir noch darüber gesprochen und er war sich so sicher, dass er es schaffen wird. Vermutlich ein wenig zu sicher. Abends gab es dann bittere Tränen und Ausreden. Das Wetter war zu heiß, die Trikots zu dick und das Wasser zum trinken zu warm. Mhh... vielleicht ist es von einem 10jährigen zu viel verlangt, zu erkennen, dass es am Ende tatsächlich an IHM und nicht an den Umständen lag?    

Schuss
© Anja Pohl

Unsere Kids sind mit Talenten beseelt. Der Bub spielt Fußball, seit er sich aufrecht halten kann. Kickte bereits mit 3 Jahren und ich muss heute noch grinsen, wenn ich an die ersten Spiele denke, wo er Händchenhaltend mit einem anderen Jungen auf dem Platz stand oder auch gern mal, wenn ihm langweilig war, Blümchen pflückte. Dies hat sich über die Jahre deutlich verändert und sein Fußballtalent (wer sich auskennt: beidfüßig, für sein Alter guter Überblick, schusssicher, zweikampfstark und manschaftsdienlich) ist nicht zu verkennen.

Das Tanzmädel tanzt ebenfalls seit sie 3 Jahre alt ist und wollte auch nie etwas anderes machen. Ihre Tanzlehrer meinten, sie hat die "perfekten" Füße und andere Eltern sprachen mich auf die Wahnsinns Bühnenpräsenz meiner Tochter an.

Klar bin ich Fan meiner Kinder und das macht mich sehr stolz. Da ich weder Tänzer noch Fußballer bin, mangelt es mir natürlich an Objektivität. Am Ende ist es mir auch egal, Hauptsache sie haben Freude daran.

Jaaa, wieder SO eine Mutter, die meint ihre Kinder wären  super talentiert und hochbegabt und überhaupt. Neee, sone Mama bin ich nicht! Wirklich nicht!

Beim Bub hat schon mehrfach der HFC angefragt, regelmäßig mindestens einmal im Jahr. Aber der Gatte und ich hatten entschieden, dass wir ihn diesem (aus unserer Sicht) Leistungsdruck nicht aussetzen wollen. Wir sahen eher die Chance sein Talent behutsam über den DFB fördern zu lassen. Da er bereits seit mehreren Jahren auf der "Liste" der Talentscouts stand, waren diese Überlegungen auch realistisch. Das Tanzmädel nimmt an Wettkämpfen teil und hat es sogar bis zu Europa- und Weltmeisterschaften geschafft.

Und nun? Plötzlich alles anders und irgendwie schwingt Enttäuschung mit. Leistungsdruck kennen unsere Kinder nicht. Ich muss in dem Zusammenhang immer an Dr. Spitzer denken, der in einem seiner Vorträge mal erläuterte, dass Lernen mit negativen Erfahrungen äußerst unnütz ist. Denn dieses Wissen kann zwar bulimieartig in einen Kopf hinein und auch wieder herausgebracht werden, aber kreative Anwendung dieses Wissens ist nicht oder nur schwer möglich. Und gerade das ist es ja, was Sinn macht. Das erlangte Wissen für Problemlösungen kreativ anwenden. Mit Stress und Druck funktioniert es eben NICHT.

Die Frage, die sich dann stellt, wo ist die Grenze zur Motivation und Bestärkung. Wir unterstützen die Interessen der Kids, sind zu Turnieren und Wettkämpfen gefahren, haben das Geld prioritär für sie ausgegeben. Und nein, das ist kein Jammern und es wird auch ganz sicher nicht passieren, dass wir ihnen dies mal vorhalten. Aber es ist FAKT, dass wir oft zurücksteckten, um Trainingslager und neue Schuhe zu finanzieren.  

Und warum dann doch dieses tiefe Gefühl der Enttäuschung?

Das Mädel hat mir vor kurzem gesagt, dass sie mit dem Tanzen aufhören möchte. Ich konnte es gar nicht fassen. Als ich sie auf Bitten der Klassenlehrer zu Beginn der 5. den Eltern mit etwas für sie typischen vorstellen sollte, sagte ich, dass sie nie normal läuft, sondern immer nur tanzt. So war es auch. Plötzlich aber hat sie die Lust verloren und der Spaß ist weg. Wie konnte das passieren? Sie kann es mir nicht wirklich erklären, es macht ihr keine Freude mehr.

Tanzen

Es ist einiges unrund gelaufen. Als sie begann, war sie vom Leistungsvermögen relativ schnell den anderen Kindern ihrer Gruppe voraus. Dies führte zu Unmut und das Tanzmädel kam in eine leistungsstärkere Gruppe.  Es fällt ihr sehr schwer, neue Freundschaften zu schließen (geht mir auch so) und so kam sie nie wirklich in dieser neuen Gruppe "an". Dann veränderte sich ihr Körper, alle anderen wurden riesig groß, das Mädel nicht. Sie passte optisch nicht mehr in das Gruppengefüge und wurde "nur" noch Ersatz. Das war ein großer Knick. Ich kann die Entscheidung der Trainer natürlich nachvollziehen, aber ihr hat es, glaube ich, das Herz gebrochen. Dann kam sie wieder in eine andere Gruppe und auch dort kam sie nicht "an". Ich vermute, dass es eine Mischung aus vielen unglücklichen Umständen war, die ihrer Entscheidung vorausgingen.

Ich habe ihr gesagt, dass ich es zwar traurig finde und nur schwer verstehen kann, ihre Entscheidung aber natürlich akzeptiere. In dem Moment fiel eine riesen Last von ihr ab und ein kleines Häufchen Elend lag in meinem Arm. Haben wir dann doch irgendwie Druck ausgeübt? Unbewusst, mit unseren Erwartungen? Ich überlege schon seit Tagen, was ich gesagt oder getan haben könnte. Bewusst ist mir allerdings nichts. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass das Mädel deren Tanzlehrerin mal zu mir sagte, sie hätte noch nie ein so talentiertes Kind gehabt, einfach nicht mehr mag.

Vielleicht ist es auch so schwer, dies anzunehmen, weil wir (als Eltern) diese Chancen nicht hatten? Der Gatte war (trotz seiner relativ kleinen Körperlänge) ziemlich erfolgreich im Basketballspielen. Ich habe im Chor gesungen und es sogar geschafft, das Ave Maria zu singen. Aber mehr eben auch nicht. Jugendnationalmannchaft und Schulchor. Die Zeit war wie sie war und die Chancen, mit seinem Talent etwas zu erreichen, sehr gering. Wir sind heute trotzdem glücklich und zufrieden.

Und dann sind da noch die Fragen, die kommen werden. Wie, er hat es nicht in die Auswahl geschafft? Er ist doch so talentiert! Wie, sie tanzt nicht mehr? Aber sie ist doch so talentiert! Da sollte man vermutlich drüber stehen. Sollte... 

Es nagt vermutlich auch deshalb so sehr an uns, weil wir diese Chancen nicht hatten und unsere Kinder sie nicht wirklich wollen. Ist das Neid? Der Bub hat gestern zu wenig Einsatz gezeigt, konnte die Trainer von sich nicht überzeugen und blieb damit weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Daran ist nichts schön zu reden.

Könnten wir uns anders verhalten! Sicher! Aber es würde sich für uns nicht richtig anfühlen und so können wir nur hoffen, dass sich neue Chancen ergeben und die Kids diese (wenn sie denn wollen) dann auch nutzen.

 

2 Kommentare

#1  - Martin Feigenwinter schrieb:

Hallo Anja

Dein Artikel hat mir sehr gut gefallen.

Kinder und junge Athleten wissen in der Regel sehr gut was ihnen gut tut und was nicht. Solange sie ihre eigenen Ziele verfolgen. Probleme gibt es dann, wenn sie fremde Ziele verfolgen und denken es die Eigenen sind (Introjektion).

In dem von dir beschriebenen Fall, kann das auch durch die Tanzlehrerin entstanden sein. Es gibt auch Trainer die ihre Wünsche mit ihren Athleten verwirklichen möchten.

Schau mal hier
http://www.feigenwinter.com/unerfuellte-elterntraeume/

Als Elternteil ist die Unterstützung von Athleten keine einfache Aufgabe. Es geht immer um die Wünsche des Kindes und nicht um das der Eltern.

Habe das hier heute gesehen. "The truth about sport parents".

https://m.youtube.com/watch?feature=youtu.be&;v=u2LR4c3JsmU

Ein junger Athlet bringt es sehr schön auf den Punkt. "Please, just be my mum and dad!"

Ich glaube da gibt es nichts zu ergänzen.

Lieber Gruss

Martin

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#2  - Anja schrieb:

Lieber Martin,

vielen Dank für Dein Feedback und die Links. Schon sehr erschreckend, wie manche Eltern ihre eigenen (unerfüllten) Wünsche auf die Kinder projizieren. Genau dies wollten wir eigentlich vermeiden. Vielleicht ist es und nicht komplett gelungen. Ich kann nur im Moment sagen, unser (ehemaliges) Tanzmädel ist aufgeblüht, als wäre eine Last von ihren Schultern genommen. Ich vertraue darauf, dass sie ihren eigenen Weg geht und werde sie unterstützen, wobei auch immer! Dies ist mir persönlich das Wichtigste, dass sie das Gefühl hat, ich stehe hinter ihr und bin ihre Mama, und nur das!

Herzlichst
Anja

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