Es war einmal ein Kosteklecks

Geschrieben von Anja - - 1 Kommentar

Irgendwann saß unser Knöpfchen beim Mittagessen und auf meine Frage, ob sie denn auch etwas von der Soße möchte, meinte sie: "ja, aber nur einen Kosteklecks". Ich war total irritiert, denn dieses Wort kannte ich überhaupt nicht. Also fragte ich, was denn ein Kosteklecks sei und sie erklärte mir, dass da nur ein bisschen was von dem Essen auf den Rand des Tellers kommt. Ich entsprach ihrer Bitte und ließ es auf sich beruhen.

Später fragte ich jedoch nach, woher das denn kommt mit diesem Kosteklecks und sie berichtete, dass es dies immer im Kindergarten gibt. Es gibt IMMER einen Kosteklecks, die Kinder sollen also probieren und dürfen DANN entscheiden, ob sie mehr davon wollen, oder nicht.

Klingt doch eigentlich fair und vernünftig? Denn wie sollen Kinder an neue Lebensmittel herangeführt werden, wenn sie nicht probieren? Und wie oft stellen sie dann fest, dass es ihnen tatsächlich schmeckt? Sie brauchen uns als Vorbilder, denn wir haben (im Gegensatz zu ihnen) die Erfahrung und das Wissen. Richtig? NÖ.. sehe ich (inzwischen) nicht mehr so.

Nudeln mit roter Soße

Eine Handvoll Süßes

Beim Tanzmädel war ich tatsächlich davon noch überzeugt (ach Mensch, hätte ich nur damals schon gewusst, was ich heute weiß). Sie war eine sehr "schlechte" Esserin und es machte uns wahnsinnig. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt, war Essen ihr Leben, sie hatte so viel Freude daran und probierte alles aus. Irgendwann kippte dies aber komplett, so um den 2. Geburtstag herum. Gleichzeitig gab es einen unstillbaren Drang nach Süßem. Wir achteten im 1. Lebensjahr extrem darauf, dass sie keine Schokolade und Co. bekam. Später versuchten wir zu regulieren, da gab es die Ration des Tages (eine Kinderhand voll), oder die Ration der Woche (eine kleine Tüte voll). Der Gedanke war, sie dabei zu unterstützen, sich selbst zu regulieren. Diesbezügliche Tipps liest man ja überall.  Ätsch, ging voll in die Hose. Die leidigen Diskussionen, Wutanfälle, Tränen und Fragen nach Süßem hörten nicht auf. 

Hingegen wurde alles, was allgemein hin als gesund gilt konsequent abgelehnt. In einer meiner schwärzeren Stunde als Mama nötigte ich sie einmal, ein Stück Möhre (tatsächlich klitzeklein in der Suppe schwimmend) zu probieren. Ich redete auf sie ein, sie aß es und übergab sich kurz danch, so sehr ekelte es sie an! Wie ich das hier aufschreibe, wird mir immernoch ganz schlecht. Was hatte ich da nur in meinem Kopf? Wie konnte ich so übergriffig sein und sie zwingen etwas zu tun, was sie offenbar so sehr verabscheute? Ich war so erschrocken über mich selbst und ein Umdenken setzte ein. 

Schlechte Esser werden erzogen

Von dem Moment an, wo die (Mutter)Milch durch "normales" Essen ersetzt wird, meinen wir Eltern dafür sorgen zu müssen, dass unsere Kinder genug und richtig essen. Natürlich liegt es in unserer Verantwortung, den Kindern gesunde und ausgewogene Nahrung anzubieten! Aber auch wieviel? Ist es nicht völlig schizophren, dass wir Babys zutrauen, dass sie selbst genau wissen, wann und wieviel Milch sie brauchen (Stichwort Füttern nach Bedarf? Ab dem Zeitpunkt der Beikost aber, vertrauen wir Tabellen und Empfehlungen und sprechen unseren Kindern die Kompetenz ab. Ein Kind verliert diese doch nicht plötzlich, nur weil die Nahrungsform eine Andere ist!? 

Die Mengen, die ein Kind ab einem gewissen Alter zu sich nehmen sollte, stammen nicht selten von den Herstellern der Gläschenkost. Ein Hinterfragen dieser Angaben ist daher durchaus sinnvoll ;-). Jaaa, natürlich ist es gut, eine gewisse Orientierung zu haben, aber auf das Kind zu vertrauen (sofern es gesund ist!) macht noch mehr Sinn. Ich denke heute, hier stecken ganz viele Ängste. Wir wollen dass unsere Kinder gesund heranwachsen. Es liegt also in unserer Verantwortung und wir müssen mit guten Beispiel voran gehen, denn schlechte Esser werden schließlich erzogen. Oder? 

Das Mädel aß also ab einem gewissen Punkt nur noch SEHR ausgewählt, gern Nudeln ohne Soße oder nur Fleisch, aber so gut wie kein Gemüse. Der Bub hingegen, mochte lange Zeit überhaupt kein Fleisch und sein 3. Wort nach Mama und Papa war "Gmüüüse". Er wollte sich eigentlich nur davon ernähren! Unser eigenes Essverhalten hingegen hatte sich nicht verändert. Wir aßen von je her ausgewogen und abwechslungsreich. So, liebe Therorien, wie kann es denn sein, dass 2 Kinder von den gleichen Eltern so unterschiedlich essen? Da stimmt doch was mit dem Märchen der Vorbildfunktion nicht!

Familienessen

Völlig normales Verhalten

In dem äußerst lesenswerten Buch von Herbert Renz-Polster "Kinder verstehen" fand ich dann eine mögliche Antwort. Viele Kinder fangen um den 2. Geburtstag herum an, "mäkelig" zu werden. Kommt´s Euch bekannt vor? Dies hängt damit zusammen, dass die Kinder in Urzeiten ab dem Zeitpunkt ungefähr anfingen, vermehrt selbst für ihre Nahrung zu sorgen. Sie differenzierten die Lebensmittel. In die guten, süßen, da kohlenhydratreich und in weniger gute, da vielleicht potentiell gefährlich, wie z.B. bittere Lebensmittel. Wenn man nun weiß, dass in vielen Gemüsesorten Bitterstoffe enthalten sind, die aber in den letzten Jahren quasi herausgezüchtet wurden, macht es KLICK! Das Steinzeitgehirn meiner Tochter wusste dies nicht, sie schützte sich lediglich selbst. Für mich war dies natürlich nicht nachvollziebar, ich war der Meinung sie muss das essen, damit sie gesund bleibt.

Blicken wir auf die Menschheitsgeschichte zurück, ist die Lebensweise, wie wir sie heute vorfinden, vergleichsweise kurz. Das Gehirn hat sich noch nicht entsprechend angepasst. Und so zeigen viele Kinder diese eingeschränkte Essenweise ab einem gewissen Alter. Die gute Nachricht: angeblich ändert sich dies ab der Pubertät wieder und die Kinder werden entspannter. Ich warte noch ;-).

Ein weiterer Augenöffner war das Buch von Carlos Gonzalez "Mein Kind will nicht essen". Eine Studie konnte nachweisen, dass wenn Kinder unter einer Auswahl von verschiedenen geeigneten Lebensmitteln selbst entscheiden, wie viel und was sie essen, diese im Verlauf von Monaten ein normales Wachstum und mittelfristig, eine angemessene Nährstoffzufuhr aufweisen. Bei Renz-Polster las ich, dass Kinder zwischen 6 und 11 Monaten im Rahmen eines Experimentes einer Ärztin selbstständig wählen durften, was sie von 33 angebotenen Lebensmitteln aßen. Sie hatten zum Teil äußerst abenteuerliche Vorlieben, wie z.B. Leber mit einem halben Liter Orangensaft zum Frühstück! KEINS der Kinder zeigte aber Mangelerscheinungen oder abnormale Blutwerte. Unsere Kinder sind also sehr wohl in der Lage sehr gut für sich selbst zu sorgen.

Füttern

Problem Kosteklecks

Wo ist nun mein Problem mit dem Kosteklecks? Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Kinder mit uns kooperieren also zusammen arbeiten wollen. Machmal klappt das weniger gut, aber das hat immer einen triftigen Grund (anderes Thema ;-)). Wenn wir also von unseren Kindern verlangen, dass sie probieren, dann werden viele dies vermutlich auch tun. Weil sie kooperieren und uns "gefallen" wollen. SO! Und jetzt überlegt mal, wie es sich für EUCH anfühlt, wenn Ihr etwas macht, was Ihr eigentlich NICHT wollt, aber dem anderen zuliebe trotzdem tut. Übergriffig, verletzend und falsch? Was macht das mit der Beziehung zu demjenigen, wenn der auch noch genau weiß, dass Du es eigentlich nicht möchtest? Nicht förderlich, oder? Zerstört es das Vertrauen zu dieser Person, macht es etwas kaputt? 

Ich habe die Verantwortung, meinen Kindern Lebensmittel anzubieten, die nahrhaft sind und sie möglichst gesund erhalten. Aber es liegt nicht in meiner Verantwortung, sie zu kontrollieren und zu nötigen diese dann in entsprechenden Mengen auch zu essen!

Mag nicht

Es geht auch anders

Das Tanzmädel habe ich nie wieder gezwungen, nie wieder! Und ich bin heute davon überzeugt, dass diese "Aktion" ihr Verhältnis zu Lebensmitteln äußerst negativ beeinflusst hat. Mit Argusaugen beobachte ich ihr Essverhalten, da ich inzwischen auch weiß (bei Gonzalez gelesen), dass es einen Zusammenhang zwischen Zwang in Bezug auf das Essen im Baby- und Kleinkindalter und Essstörungen im Teenageralter gibt :-(. Dem Gatten und mir fällt es trotzdem gelegentlich schwer, ihr Art zu essen, zu akzeptieren. Es macht wütend, wenn das mit viel Mühe hergestellte Mahl einfach abgelehnt wird. Aber das Gefühl ist ausschließlich unser Problem und liegt nicht in ihrer Verantwortung ;-). Zudem wird der Essenplan der Familie auf Dauer sehr einseitig oder wir kochen ne "Extrawurst", im Alltag nicht immer so leicht umsetzbar. Dennoch zwingen wir weder sie, noch ihre Geschwister.

Das Knöpfchen dufte selbstbestimmt stillen und auch von Beginn an, selbstbestimmt essen. Wir haben sie nicht ein einziges Mal gefüttert. Auch bei dem Thema erlebe ich oft eine Übergriffigkeit, die mich erschreckt. Babys werden mit großen Lätzchen oder Tüchern daran gehindert beim Füttern mitzuwirken. Ich habe da immer das Bild eines kleinen Vogels im Kopf, dass den Schnabel aufreißt und ansonsten völlig passiv die Nahrungsaufnahme über sich ergehen lässt. Natürlich habe ich Verständnis, dass es manchmal schnell gehen muss und nicht immer die Zeit da ist (und die Nerven), die Kinder matschen zu lassen. Ich glaube aber auch, dass ein Perspektivwechsel (wie würde es sich anfühlen, wenn ich so völlig ohne Einfluss Essen eingeschaufelt bekomme) eine Änderung dieses Verhaltens nach sich ziehen könnte. Keine Mama will ihrem Kind etwas Böses, davon bin ich zutiefst überzeugt! Wir wissen es einfach nicht besser, wurde ja schon immer so gemacht.... Stimmt´s? Das Konzept von "Breifrei" empfinde ich dahingehend äußerst stimmig. Es basiert auf Beobachtung und Vertrauen und dies ist definitiv förderlich für die Beziehung ;-) und macht so unheimlich viel Spaß. 

Eis

Den Kosteklecks gibt es (leider) immernoch bei uns. Das Knöpfchen besteht auf Ritualen und die Abläufe der Kita zu ändern liegt nicht in meinem Wirkungskreis. Aber ich werde nicht müde, ihr immer und immer wieder zu erklären, dass sie SELBST entscheiden darf, ob sie etwas essen möchte oder eben auch nicht. 

Was denkt Ihr? Sollten die Kinder wenigstens probieren? 

Herzlichst

Eure Anja

 

Quellen:

Renz-Polster, Herbert (2012): "Kinder verstehen - Born to be wild"

Gonzalez, Carlos (2012): "Mein Kind will nicht essen - Ein Löffelchen für Mama"

1 Kommentar

#1  - Thea schrieb:

Liebe Anja, vielen Dank für den Denkansatz!
Ich habe bei meinen Kinder festgestellt, dass sie eher geneigt sind zu kosten, wenn es nicht auf ihrem Teller liegt, sondern wenn sie von unserem Teller probieren dürfen (freiwillig). Es ist auch angenehmer für meine Kinder, wenn das Essen aus Einzelkomponenten besteht und nicht alles zusammen in einem Topf gekocht wird. Und die beste Motivation etwas zu probieren, sind die Geschwister, wenn sie sagen, dass es lecker schmeckt smile

Antworten

Kommentare-Feed (RSS) dieses Artikels

Schreibe einen Kommentar

Was ist der dritte Buchstabe des Wortes rykf ?