Halt mich fest..  lass mich doch bitte los...

Geschrieben von Anja - - 2 Kommentare

Ihr kennt das sicher... das Leben mit Kindern schmeißt immer mal wieder alles um. Es ist nur ein Schub, ein Schub.. eine Phase, nur eine Phase, redet man sich ein. Wenn die Nächte sehr kurz sind, der Mittagsschlaf so gar nicht funktioniert und der Nachwuchs um 10 Uhr abends immer noch durch die Wohnung hüpft. Ich kenne das auch und gern gebe auch ich mal diese Antwort.. es ist nur eine Phase, nur eine Phase... mit einem kleinen Zwinkern dazu. ;-)

Heute kam mir aber der Gedanke, eigentlich stimmt das doch so überhaupt nicht. Es suggeriert, dass wenn die Phase oder der Schub vorbei sind, alles wieder ist, wie zuvor. ABER das ist es eben oftmals nicht. Das Leben mit Kindern ist immer Veränderung, immer wieder neu, immer wieder anders. Gerade noch hast Du Dich eingerichtet und irgendeine Art von Alltag gehabt, schwubs wirst Du aus der geliebten Komfortzone wieder herauskatapultiert und fängst von vorn an, Dich zu sortieren.

Halt geben
© Rose-Greim Fotografie

Bei uns gibt es gerade wieder viele Veränderungen. Das Tanzmädel hat nun den kompletten Resetknopf gedrückt. Nachdem sie mit dem Tanzen aufgehört hat, wechselt sie nun auch noch die Schule. Eine Schule, von der wir NUR Schlechtes gehört haben. Eine Alternative haben wir leider nicht gefunden, bzw. lehnt sie diese komplett ab. Mir bleibt also nichts weiter übrig, als zu vertrauen.. loszulassen. Und wenn es nicht klappt? Dann ist es so und ich bin für sie da und gebe den Halt, den sie dann vielleicht braucht. Ich sehe dieses Mädchen jeden Tag an und denke mir nur WOW. Sie ist soooo schön und gestern war sie doch noch so klein. (jajajaaaa... immer diese blöde Gefühlsduselei) Aber im Ernst, wann bitte ist das alles passiert? Sie probiert sich gerade aus, liebt ALLES was schwarz ist, macht ihre Haare jeden Tag neu und hat Wutanfälle, bei denen man lieber schnell das Weite sucht. Der Vulkan, der da ausbricht, spuckt wirklich äußerst beeindruckend! Und dann gibt es diese Momente, wo sie mich anstrahlt oder sich an mich kuschelt. Und da ist sie plötzlich wieder so klein <3. Es gibt Tage, da kann ich gut damit umgehen und manchmal eben nicht. Da möchte ich sie beschützen, ihr sagen dass ich fest davon überzeugt bin, dass es falsch ist, was sie da tut. Und dann sehe ich ihre Enttäuschung und ihr Bitten, doch zu vertrauen. Gern kommt dann auch die Keule "Du hast gesagt, dass Du mich unterstützt, egal wie ich entscheide!" Bämmmm... ja, hab ich. Muss ich dann wohl und ist ja auch gut so. Rede ich mir halt ein. Es ist ja nur eine Phase...

Pubertät
© Rose-Greim Fotografie

Den Fußballbub verstehen wir gerade so überhaupt nicht. Auch bei ihm steht ein Schulwechsel an. Er wechselt auf das Gymnasium. Da Schule von ihn bislang aber ein Ort war, wo zwischen den Pausen ein bissl was anderes gemacht wurde, ist er diesbezüglich äußerst entspannt. Das Aufregendste war gerade mal, sich eine neue Schultasche auszusuchen. Denn mit dem alten Ranzen kann man ja schließlich nicht aufs Gym gehen! Also könnte man schon, aber neeeee. Auch seine Wutanfälle sind beeindruckend, wenn auch völlig anders als die des Tanzmädels und es kommen auch ganz schnell dicke Tränen gekullert. Sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit erschwert den Alltag nicht selten und ich habe gerade das Gefühl, ihm nie wirklich gerecht werden zu können. Er stellt Fragen, die mich staunen lassen und dann wiederum liegt in meinem Arm ein kleiner Junge, der wegen eines Plüschpinguins bittere Tränen weint. Selbigen hatte ihm das Knöpfchen kurz zuvor abgeluckst und der Verlust ist für ihn nicht zu ertragen. Der KLEINE Junge springt dann Tage später im Schwimmbad vom 10 Meter Brett und ich frage mich, WOHER hat er diesen Mut? Mir wurde ganz schlecht, als der Gatte mir das Video zeigte. Also ständiger Spagat zwischen was verlange ich von ihm, was traue ich ihm zu und wo ist es dann doch zu viel?

Jungsblick
© Rose-Greim Fotografie

Und das Knöpfchen.. "Ich kann das selber entscheiden! Hast DU gesagt, Mama." So, da hast dus, wenn Du das sagst, musst Du dann auch damit leben, Mama. Ja... mach ich. "Du kannst natürlich barfuß gehen, nein.. du brauchst keine Jacke anziehen.  Okay, du möchtest nicht in das Auto steigen." Örgs.. und dann merkst du, wie du dein Kind völlig überfordert hast. So geschehen vor ein paar Tagen in der Stadt. Das Knöpfchen wollte partout nicht ins Auto steigen und ich sagte, okay.. du brauchst nicht. Wir (die anderen Kids und ich) wollen aber. Gesagt, getan. Wir sind ins Auto gestiegen.

NEIN, ich hatte natürlich keine Absicht weg zu fahren. Diese Art der "Erziehung" empfinde ich ganz furchtbar. Schon oft habe ich Situationen erlebt, wo Kinder ihren Eltern angedroht oder sogar schon im tun waren, allein weiterzugehen. Die Panik in den Augen der Kinder ist so furchtbar und ich wünsche mir dann immer, dass die Eltern diese Panik sehen und die Perspektive des Kindes wahrnehmen. Sie drohen damit ein kleines abhängiges Menschlein allein in einer wildfremden Umgebung zu lassen. Stellt Euch vor, Ihr werdet nachts in den Wald gebracht und Euch droht jemand damit Euch dort zu lassen, wenn Ihr nicht wie gewünscht, funktioniert. Furchtbarer Gedanke? Und ich glaube, genau SO fühlt sich das auch für die Kinder an. Und ganz ehrlich, DAS ist es nicht wert. Termin verpasst, so what. Nicht pünktlich zum Abendessen zu Hause? Egal.... Die Welt geht davon nicht unter, wenn Ihr noch einen Moment wartet und Euer Kind den Käfer, die Blume oder was auch immer noch anschauen lasst. Und nein, die Welt soll sich nicht um Eure Kinder drehen und ja, Eure Wünsche und Bedürfnisse sind auch von Bedeutung. Für mich ist es aber auch immer ein Abwägen. Was ist mir in dem Moment wirklich wichtig und wie kann ich das erreichen. Meinem Kind anzudrohen, es allein zu lassen ist aber (aus meiner Sicht) in keinem Fall eine geeignete Methode.

Soviel zu meinem Wissen und meinem Wunsch, mit dem Knöpfchen umzugehen. Und dann sind wir also im Auto. Ich mit der Absicht, ihre Entscheidung JETZT nicht einsteigen zu wollen, zu akzeptieren. Bei ihr allerdings kam etwas völlig anders an. Sie dachte nämlich, ich fahre jetzt ohne sie los und lasse sie dort allein. Ihre Tränen kamen plötzlich und heftig, der ganze Körper zitterte und als ich es sah, stürzte ich aus dem Auto wieder heraus. Mit dem kleinen Häufchen Elend im Arm begriff ich, was ich angerichtet hatte. :-( 

Halt
© Rose-Greim Fotografie

Seit dem Tag hängt sie mir wieder vermehrt am Hosenbein, darf nur ich sie ins Bett bringen und sie wacht auch wieder nachts auf und kommt weinend ins Wohnzimmer gelaufen. Alles Dinge, die schon mal "weg" waren. Und nein, es ist eben keine Phase... es ist nichts mehr, wie es war. In diesem Fall hat es sich durch mein Verhalten verändert, genauso gut verändern aber auch viele andere Dinge das Denken, Fühlen und Handeln meiner Kinder jeden Tag. Und dann.. fängst Du wieder von vorn an. Und gibst Halt, wo sie ihn brauchen und lässt los...

Herzlichst 

Eure Anja

2 Kommentare

#1  - Kirsten Dümeland schrieb:

Wow Anja, dein Bericht ist beeindruckend! Er spricht mir genau aus der Seele....Vor allem von deinen beiden Großen und wie zerrissen wir Erwachsenen manchmal sind, weil wir möglichst viel richtig machen möchten und auch eigene Dinge zu erledigen haben.
Überrascht bin ich nur über den Schulwechsel von deinem Mädel.!?
L.G. Kirsten

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#2  - Anja schrieb:

Liebe Kirsten, vielen Dank für Dein Feedback. Das Mädel fühlte sich auf der Schule einfach nicht mehr wohl und wollte wechseln. Liebe Grüße Anja smile

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