Gedankenkarussell

Geschrieben von Anja - - 2 Kommentare

Vor zwei Tagen sagte das Tanzmädel zum Knöpfchen: "Nur noch eine Woche, dann ist Weihnachten und es gibt Geschenke!" Mir gab das einen riesigen Stich, darum geht es... Geschenke... um haben und kriegen... Facebook und Instagram quillen über vor Gewinnspielen. Hier ein Like, dort ein Kommentar und die Chance auf noch ein bissl mehr HABEN.

Kurz darauf ärgerte ich mich über mich selbst. Was erwarte ich eigentlich? Die Kids sind 12, 10 und 3 Jahre. In dem Alter konnte ich auch nachts vor Aufregung nicht schlafen in der Hoffnung, die Dinge auf meinem Wunschzettel blieben nicht länger ein Wunsch.

Mir fällt es hingegen sehr schwer in Weihnachtsstimmung zu kommen. Doch was ist das eigentlich? Bereits in den letzten Jahren fühlte ich mich derart getrieben, alles mögliche noch bis Weihnachten zu "schaffen" und die Freude an dieser magischen Zeit blieb auf der Strecke. In diesem Jahr wollte ich bewußt gegensteuern. Beginnend bei der Weihnachtstasse, aus der ich konsequent meinen Kaffee trinke, der kleinen Weihnachtsmütze, die ich dekorativ in meinen Kursen oder auch mal in der Stadt trage (PEINLICH sagt das Tanzmädel) bis hin zur geschmückten Wohnung, sogar noch VOR dem 1. Advent. Von außen betrachtet also voll auf Spur. 

Weihnachten
© Anja Pohl

Und doch fehlt dieses Gefühl, welches ich nicht einmal beschreiben kann. Das Gefühl von Ruhe und Ankommen, Harmonie. In einer meiner Erzieherklassen kam dieses Thema neulich auf. Die Schnelllebigkeit der Gesellschaft, immer weniger Achtsamkeit für die eigenen, aber auch die Bedüfnisse von Anderen. Eigentlich ist mein Credo, ich verändere die Welt (aber sonst hab ich keine weiteren Ansprüche ;-)) aus dem Kleinen heraus. Soll heißen, das was mir in meinem unmittelbaren Umkreis möglich ist. Zum Beispiel meine Kinder mit Liebe und Zuneigung überschütten, damit sie mit dem festen Vertrauen in die Welt gehen, egal was kommt, meine Eltern sind für mich da und unterstützen mich. In meinen Kursen die manchmal ziemlich erschöpften Mütter zu bestärken, dass sie einen tollen "Job" machen und sie dabei unterstützen auf Ihr Herz und Ihren Bauch zu hören. Zuhören, hier und da auch mal einen Tipp geben und zusammen lachen und Spaß haben natürlich auch. Als Dozent breche ich alteingebrachte Vorstellungen vom Kind, von der Kindheit, von der Erziehung und vom Beibringen auf, hinterfrage und gebe damit neuen Gedanken und Wegen Raum. Und es erfüllt mich ungemein, wenn ich merke, dass es mir gelingt. Nicht immer und bei allen (das wäre vermessen), aber doch ziemlich oft. Ich versuche mich also auf das zu fokussieren, was im Rahmen meiner Möglichkeiten ist.

Wo will ich eigentlich hin... gerade in dieser Woche empfinde ich dies als NICHT genug. Die Bilder aus Syrien lassen mich nicht los. Ich versuche, es zu ignorieren.. ich kann es ja eh nicht ändern, sag ich mir immer wieder. Und dann sitze ich beim Abendessen, höre die Kids und den Gatten reden, lachen, streiten und mir kommen die Tränen. Wie banal das alles, angesichts dessen, was da auf der Welt passiert. Das Video eines Vater, der seine 2 toten Töchter im Arm hält. Das Bild wo ein Junge einem kleinen Mädchen schützend die Arme umlegt, beide völlig verstaubt und blutig auf einem Haufen Schutt sitzend. In diesem Moment kann ich das alles nicht ignorieren und die Tränen fließen. Meine Kinder sind überfordert, ich versuche zu erklären, aber es gelingt mir nicht. Wie auch, wo ich das selbst doch alles nicht verstehen. Mit jedem Kind, welches ich geboren habe, wird auch das Gefühl von Weltschmerz in mir immer größer. Bestimmte Filme kann ich nicht mehr gucken, Bilder und Geschichten berühren mich sehr stark, ich bin sehr nah am Wasser gebaut. Im Sommer ging das Bild des toten Kindes am Strand um die Welt. Ein kurzer Aufschrei und dann wieder Stille. Die täglichen Bilder stumpfen ab. Ich gebe zu, auch ich versuche mich zu schützen, schaue die Nachrichten nicht mehr, will es einfach nicht wissen! Ich fühle mich machtlos, hilflos, gelähmt.... Wie feige! Denn ich kann mich dem ja doch nicht entziehen und ich sollte es auch nicht, oder? Aber wie kann ich da über Geschenke verpacken, Glühwein trinken und die Pute für das Weihnachtsessen nachdenken? 

Das Jahr neigt sich dem Ende und es wird Bilanz gezogen. Und jedes Jahr wieder der Wunsch, dass es doch mal etwas ruhiger werden möge. Mal weniger kleine Katastrophen auszuhalten sind. Doch das Leben ist endlich. Da gibt es den Tod, Demenzerkrankung und kleine Babys, die frisch geschlüpft schon operiert werden müssen. Immer wieder Hiobsbotschaften. So sehr ich mir auch Mühe gebe, mir immer wieder zu sagen, sei froh und dankbar für das was Du hast. So wenig gelingt es mir. Am Ende ist es ja immer die eigene Perspektive, aus der man betrachtet. 

Ich weiß immernoch nicht, wo ich hin will.... Vielleicht gibt es auf das alles auch gar keine Antwort. Was bleibt ist Hoffnung. Hoffnung für Syrien, Hoffnung auf das kleine Glück und Hoffnung dies dann auch zu erkennen.

#withsyria

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Eure Anja 

2 Kommentare

#1  - Nancy schrieb:

Ach Gott - erschütternd perfekt getroffen.
Und trotzdem oder gerade deshalb versucehn wir alles, um besonders zu Weihnachten die perfekte Welt im Kleinen für unsere Kinder zu erschaffen. Ich finde, sie haben dieses Stück heile Welt so verdient. Auch wenn der Kontrast zur realen Welt gefühlt von Jahr zu Jahr krasser wird.

Und last but not least: ich wünsche dir und deinen Lieben ein liebevolles und schönes Weihnachten!

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#2  - Melli schrieb:

Ein toller Text! Sehr ehrlich und intensiv. Wir nehmen uns auch jedes Jahr vor, nicht so viel unterwegs zu sein. Aber man will seine Zeit auch mit Freunden und Familie verbringen und das so oft wie möglich. Dieses Jahr habe ich dann aber wirklich die Notbremse gezogen und kurzerhand Unternehmungen abgesagt. Auch welche, die schon länger geplant waren. Klar stößt man teilweise auf Unverständnis. aber was bringt es, wenn es mir damit nicht gut geht und der Abend vielleicht sogar drunter leidet, weil bei einem die Luft raus ist.
Mir geht es auch so, dass ich mit jedem Kind emotionaler werde und vor allem Kinderfilme zu einem Gefühlschaos und Tränenbad werden, das man selbst ganz überfordert ist.
Die Weihnachtsstimmung kommt, aber nicht indem du die Weihnachtstasse benutzt oder mit einer Weihnachtsmütze durch die Gegend läufst.
Für mich ist Weihnachten vor allem (Weihnachts-) Basteln, Backen, die Gerüche. Musik und vor allem Zeit mit der Familie. Gemeinsam dekorieren mit denen, die möchten. Das klappt bestimmt nicht immer, denn vor allem braucht man innere Ruhe und Gelassenheit, auch wenn die Kinder Theater machen, rum gebockt wird und einem die Ohren vom Gebrüll klingeln... Ganz bestimmt nicht einfach und es gibt immer Situationen die man nicht wirklich lösen kann. Aber es gibt immer wieder schöne Momente in denen die kleinen und großen Kröten ihre Arme um deinen Hals schlingen und dich mir ihrer Liebe überschütten <3

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